Posts Tagged ‘Allgemeinbildungskonzept’

Omnes Omnia Omnio – Comenius gibt Alles

24. Mai 2010

Allen Alles allumfassend – die Einlösung des Versprechens von Comenius‘ Großer Didaktik scheint in der postmodernen Wissensgesellschaft ferner denn je. Folgt man Ansätzen, die aus der Unübersichtlichkeit und Globalität heutiger Lern- und Wissenskontexte die zwingende Notwendigkeit eines unterrichtenden Komplexitätsreduktoren ableiten, ist eine Didaktik, die in der Wirklichkeit des Netzzeitalters steht, also wahrhaft allgemein ist, allerdings so erforderlich wie nie.

Und doch: Mit den heutigen Soziotechniken, transkulturellen Kommunikationsformen und medialisierten Interaktionsmöglichkeiten sind zum ersten Mal die Voraussetzungen geschaffen, die eine Umsetzung von Comenius‘ universeller Vision möglich erscheinen lassen. Die Ursache des Bildungsproblems (Komplexität, Fülle, schneller Wandel und Verteiltheit des Wissens) begründet für mich auch seine Lösung (Vernetzung, Reichhaltigkeit, neue Instrumente).

Comenius gibt uns das Werkzeug in die Hand, um die neuen Lebensräume als Lernräume zu erschließen, indem er basale Bedingungen und Forderungen in seiner Didactica Magna formuliert, die nichts weniger Grundeigenschaften des Netzes sind:

Alles
…. was für das Leben in der Gemeinschaft und für die Persönlichkeitsentwicklung emotional und kognitiv von Bedeutung ist. Das Netz bietet, neben dem ‚allseitigen Weltwissen‘, ein Neben- und Miteinander aller schicht- bzw. gruppenspezifischen soziokulturellen Artikulationsformen und die Möglichkeit, sie einzuüben. Mit der Chance auf den Erwerb der Fähigkeit zur Mit- und Selbstbestimmung sowie zur Solidarität leuchtet hier Klafkis Allgemeinbildungskonzept.

Allen
… >>beiderlei Geschlechts ohne jede Ausnahme<< den Zugang zu den Bildungsräumen ermöglichen. Das Netz weist eine höhere soziale Inklusion und Durchlässigkeit auf als das formelle Bildungswesen in Deutschland, wie die Mediennutzungsforschung zeigt. Um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit tatsächlich zu erreichen, sind jedoch auch für die Netzspäre noch große, kompetenzfördernde Integrationsleistungen zu erbringen.

Allumfassend (ein Update um die Dimensionen Zeit und Raum, die auf die Zustimmung des großen Netzdidaktikers gestoßen wäre)
Allzeitig: Dies meint nicht nur, dass Lernen und Bildungserlebnisse zu jeder Tageszeit verfügbar sein müssen. Ausgedehnt auf die Lebenszeit muss die Teilhabe an Bildungsprozessen in jedem Lebensalter gewährt werden (lebenslanges Lernen). Den Status von Comenius‘ Schulkindern haben wir heute ein Leben lang inne.
Allgegenwärtig: Jeder Lebensort muss auch ein Lernort sein können. Online-Medien machen es.

Wie sollte eine Allgemeine Didaktik heute, die nicht eine Didaktisierung von Inhalten, sondern das Lernen als sozialer lebensweltlicher Prozess focussiert und Methodenvielfalt vorsieht, verfasst sein? Meine 3 Leitsätze:

  1. Für die Bildungsforschung (Theorie):
    Alle Bildungspotentiale müssen in allen (medialisierten) Phänomenen aller sozialen Lebenswelten aller Lernenden identifiziert und beforscht werden (soziale Netzwerke, Games, Filme, Popmusik etc.).
  2. Für die Bildungspolitik (Makro-Ebene):
    Die Möglichkeit zur Teilhabe Aller an den neuen Lernwelten ist sowohl in ökonomischer als auch in methodischer Hinsicht (aktive Medienkompetenz) zu schaffen.
  3. Für die Unterrichtenden (Mikro-Ebene und Praxis):
    Alle entweder bereits im Alltag der Lernenden genutzten oder durch (2) erreichbar gemachten Bildungsmedien, -methoden und -inhalte sind auf ihre Passung für die Lern- und Bildungsbedarfe der konkreten Lernendengruppen zu befragen und ihnen anzubieten.

Eine comenianische Challenge zum Abschluss: Wer mir beweist, dass Comenius mit einem didaktischen Modus, bei welchem >>die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler aber dennoch mehr lernen<< nicht eine konstruktivistische Lernumgebung oder das Game Based Learning visioniert haben kann, kriegt einen Eisbecher mit Allem 🙂

Werbeanzeigen