Serious Gamer‘s politically cool adventures: FÖDERALION – Das Rätsel unter dem Eis

Anlässlich des deutschen Einheitstags ließ ich mich über die Spielesammlung des gemeinsamen Portals der Bundeszentrale und der Landeszentralen für politische Bildung an die Basics unseres politischen Systems schicken: Zu

Das Flash-Game wurde im Auftrag des deutschen Bundesrats produziert kann online frei (klar, bei dem Thema) gespielt werden unter:

http://foederalion.bundesrat.de/foederalion/game.html

Umwelt und Charaktere sind im klassischen Comic- bzw. Graphic Novel-Stil animiert. Es handelt sich um ein Quest, reduziert auf ein Mainquest, das Einsammeln von ikonischen Objekten. Diese Gegenstände müssen annavigiert werden und repräsentieren jeweils eine Lernaufgabe, deren Beantwortung zur Akquirierung des Objekts führt. Der Spieler trägt alle (Lern-)Objekte zu einem Wissensartefakt zusammen. Die Erfahrung von Körperlichkeit wird prothetisch auf eine Maschine (das Vehikel, mit dem sich der Avatar fortbewegt) transformiert. Auf eine Simulation menschlicher Artikulationsformate, wie spielergesteuertes Sprechen und Gestikulieren des Avatars, wird verzichtet.

Story und Mission des amtlich als »Föderalismus-Lernabenteuer« beschriebenen Spiels aus foederalion.de:

Eiszeit 6432, vierzehnter Monat, siebter Tag. In den südlichen Eisfeldern ist eine archäologische Sensation entdeckt worden. Hier, wo sich vor Jahrtausenden das alte Deutschland erstreckte, wurden tief unter den Gletschern die Ruinen erstaunlicher Bauten geortet: runde Redesäle gewaltigen Ausmaßes, oft von Kuppeln gekrönt, Tribünen, die sich um Rednerpulte anordneten. Du bist Teil eines archäologischen Forschungsteams und musst dich mit einem Eistaucher durch kilometerdicke Gletscher in die Tiefe bohren. Dein Ziel: die vereisten Labyrinthe der prähistorischen Regierungsgebäude. Rätselhafte Fundstücke sind dort verborgen. Finde sie – sie werden dir helfen, den seltsamen Sitten und Gebräuchen der deutschen Demokratie auf die Spur zu kommen.

Aha – digitale Spielwelt, deklaratives Wissen, ambitionierte Inhalte, hoher Transferanspruch. Die Frage wird sein, wie implizit gelernt wird, wie die Einbindung von Lernaufgaben in die Spielhandlung ausschaut, ob die Lerninhalte von der Spielhandlung abhängig sind und ob, wann und wie eine Auswertung des Erfahrenen stattfindet.

2005 setze es übrigens für Föderalion eine Grimme-Online-Nominierung und das Comenius-Siegel der GPI. Darf also nicht schlecht sein.

Nun wird aber gespielt.

Start mit einem Intro, bestehend aus einem Einspieler zu den historischen Funden und Spekulationen zur politischen Frühgeschichte (Off-Sprecher Uli Wickert) und dem konkreten archäologischen Auftrag, den der Non Player Character Prof. Wuzzzz (gesprochen von Herbert Feuerstein) an den Spieler erteilt. Während des Intro ist keine Interaktion möglich, das Intro kann aber natürlich geskippt werden, wenn man schon mal gespielt hat. Textbeigaben zum Intro gibt es nicht.

Wer die Mission jetzt antreten will bzw. noch nicht in Föderalion unterwegs war, wird nun von Prof. Wuzzzz aufgefordert, sich anzumelden. Zur Registierung legt man sich Benutzernamen und Passwort zu, kann dabei zwischen »Mädchen« und »Junge« wählen. Ich entscheide mich für die Knabenrolle. Eine gute Wahl, wie sich bald herausstellt, wird der männliche Forschungsassistent, in den man inkorporiert wird, von niemand geringerem als Oliver Rohrbeck gesprochen. Den Assistentinnen leiht Christiane Paul ihre Stimme, auch nicht schlecht.

Zum Spielantritt lässt sich entweder eine bei einer vorherigen Sitzung unterbrochene Mission laden (das wird der Regelfall sein, die 6 Level sind ziemlich anspruchsvoll) und fortsetzen oder eine neue beginnen.

Der Prof. detailliert, dass es mein Job ist, die Teile des legendären »Föderalion« zu bergen, die in den vereisten Erkundungsstätten, den deutschen Parlamenten, also Bundestag, Bundesrat und einem exemplarischen Landtag, tief unter dem Eise, zu finden sind. Meine Funde werden dann vom Prof. über Tage gedeutet und mit 1-2 Transfersätzen weiterführend kommentiert.

Eine Auswertung wird also schrittweise induziert. Wenn alle Teile des Föderalion zusammengesetzt sind, sollen sämtliche Rätsel der historischen bundesdeutschen Demokratie gelöst sein! Mein Explorationsgefährt ist ein Eisbohrer mit Kapsel, ein so genannter Eistaucher. Erster Erkundungsort der Bundesrat – Level 1, die Tiefgarage.

Mein Eistaucher hat einen Akku, der regelmäßig auf einer Ladestation aufgetankt werden muss, und wird mit den Pfeiltasten gesteuert. Das Fahren ist ob der labyrinthischen und sehr engen Gänge der Gebäude nicht einfach, was den Spielfluss natürlich entschleunigt und, verdammteaxt, häufig energie- und zeitfressende Kollisionen oder gar ein Festfahren im Eis zeitigt! Die Navigation läuft über eine Karte des gesamten Levels, die meine aktuelle Postion und die der zu erkundenden Objekte angibt. Ist ein Objekt aufgepürt und gemeldet, gibt es gleich eine Lernaufgabe dazu. Hier habe ich übrigens im Bunderat die Überreste eines Büroboten mit einem Gesetzesentwurf gefunden und die zugehörige Aufgabe, nun ja, unrichtig beantwortet:

Im Lernmodus werden Single- und Multiple-Choice, Zuordnungs- sowie Element-Schiebe-Aufgaben dargeboten. Reicht mein Vorwissen gefühlt für die Beantwortung nicht aus, kann ich (natürlich neben dem Web) zur Hilfe auf einen integrierten Wissensteil, bestehend aus einem Glossar, dessen Texte zum Teil auch auditiv wiedergegeben werden, zurückgreifen. Die Zuordnung der Fragestellung zu einem bestimmten Glossarkapitel muss ich selbst konstruieren.

Während des Lernmodus, also für die Dauer der Aufgabenbearbeitung, der expliziten Wissensaufnahme und des professoralen Feedbacks wird die Spielzeit angehalten und bleibt der Akku-Ladezustand meines Eistauchers erhalten. Falsche Antworten führen allerdings zu Strafzeiten oder zu Energie-Abzug. Wird eine Single-Choice-Frage falsch beantwortet, gibt es eine Ersatzfrage.

Auch für mich als didaktischer Gamer war meine Motivation, gleich wieder in den spannenden Spielmodus eintauchen zu wollen, Grund dafür, die Verweildauer am ungastlichen Lernort möglichst kurz zu halten. Klar, dass ich mich zugunsten des Spielens erstmal auf mein erwachsenes Staatsbürgerwissen verlassen und den Lernmodus, obgleich ohne Zeitdruck, nur kurz gestreift habe.

Fazit

Die inhaltliche Einbettung der Lernaufgaben hätte förderlicher nicht gelingen können: Es ist im Spielablauf aufgrund seiner Puzzle-Quest-Struktur plausibel angelegt, dass es nicht weitergehen kann, bis nicht jedes Lernobjekt bearbeitet, jede Lernaufgabe gelöst ist. Nur die Summe des Wissens macht das legendäre Föderalion! Alle Lernaufgaben haben eine konsequente inhaltliche Referenz auf Story und Mission. Kognitiv nicht zu unterschätzen ist der Wechsel zwischen Auge-Hand-Kombinationsaufgaben zur Steuerung des Eistauchers und den Lernaufgaben. Losgelöst vom Daddeln ist das Beantworten um Einiges einfacher …  Dabei wurde das Niveau der Fragen so gewählt, dass nicht alles unbedingt aus dem Vorwissen auch eines Erwachsenen hergeleitet werden kann. Das Game ist also nicht nur für Kinder und Jugendliche sowie trainierende Den-Raab-Schläger (der fliegende Wechsel zwischen Action- und Wissensspielen!) sondern zudem für alle sonstigen politisch interessierten Leute uneingeschränkt zu empfehlen. Metakognitive Fähigkeiten werden geübt, wenngleich meine persönliche Selbstwirksamkeitserwartung mit jedem Level gesunken ist, hatte ich doch gehofft, ob meines gereiften politischen Wissens schnell einen Level nach dem anderen abhaken zu können, kriegte jedoch mit dem souveränen Lenken meines Eistauchers echte Probleme. Leider kann das Game nur im Single Player Mode gespielt werden (es gibt lediglich eine High Score-Liste). Differenziert verteilte Handicaps, hier: Vorwissen, da: digitale Motorik, würden eine unmittelbare Challenge zwischen Kindern und Eltern oder Lehrpersonen bestimmt spannend gestalten.

Das didaktische Konzept ist auch mit Blick auf die Dekonstruktion von Wissenseinheiten und ihrer Rekonstruktion im Spiel nach allen Regeln der Webdidaktik wohl durchdacht. Spielidee und -Ablauf lassen zu, dass keine Simplifizierungen von Inhalten stattfinden müssen, um den spielenden Lerner so nicht über Maß zu überfordern und damit einen Spielabbruch durch Frustration zu riskieren. Spielen nicht zulasten des Lernens, that’s what I call real seriousness! Gelungene Animation, Promi-Sprecher und ein klares visuelles Design, das anmutet, als ob es aus Friedrichshain kommt, aber aus Kiel stammt (sehr föderal) machen das Game ganz schick und zu dem, wofür man 2005 noch das Wort »kultig« hatte. Dazu passt: Föderalion-Klingeltöne und -Bildschirmschoner herunterladen, flashige Grußkarten zum Spiel verschicken, das geht unter foederalion.de. Community-Building, Marketing oder Distributionshilfen unter Peers und vor Allem die Motivation, die Bindung der Spielenden, mehrmals in die Lernwelt zurückzukehren, werden durch diesen Fanstuff angeregt.

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