Im Angesicht der Online-Medien

Von Angesicht zu Angesicht, face to face, zu kommunizieren (FTF) gilt, wie auch von BLEICHER/VOLLMANN kritisch angeführt, vielfach unhinterfragt als das Vermittlungsformat erster Güte. Es ist hier zum einen zu fragen, ob die Qualitäten, die man FTF beimisst, eindeutig auf ihre eigene Wirkung zurückgeführt werden können, oder ob unmittelbare personale Kommunikation heute nicht meist in untrennbarem Verbund mit medialen Vermittlungswerkzeugen auftritt, so dass eine einfache Wirkungszurechnung zugunsten FTF nicht auf der Hand liegt.

Dies bedeutet: Findet man FTF insbesondere auf unserem Feld, der Wissenskommunikation, überhaupt noch in Reinform? Zum anderen gilt es zu überlegen, welche Schlangen wir mit diesem »paradiesischen« Urformat der Kommunikation mit auf den Weg nehmen müssen. Welche situativ nicht benötigten, jedoch ununterdrückbaren Kanäle müssen wir förderlich mit bespielen, damit sie nicht zum Quelle von Störungen im Vermittlungsprozess werden?

Reinheit

Um dort, wo FTF nicht institutionalisiert ist (wie in der Schule) einen FTF-Akt herzustellen, bedarf es im Vorfeld oftmals weit reichender Arrangements und Absprachen (Organisation, Anreise). Diese werden meist unter Nutzung von Online-Medien wie E-Mail und sozialen Netzwerken getroffen. Online ermöglicht also häufig erst FTF. Wer hier nur an Ereignisse wie den OpenEday denkt, sei an die Verabredungspraxis von Kindern und Jugendlichen erinnert. Und wem die Personen, die einem später von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen werden, nur vom Namen her bekannt sind, der googelt sie vorher. Sympathieauslöser oder -Hemmer, vormals Privileg der nonverbalen FTF-Signalgeber, können auch durch Vor-Urteil per Sekundärinformation im Netz gebildet werden. Beim Zusammentreffen: Gerade für uns professionelle Wissensarbeiter ist es kulturelle Übung, sich während FTF-Veranstaltungen als Selbstvergewisserungsstrategie elektronischer Aufzeichnungen zu bedienen und diese, am besten in Echtzeit, zu kommunizieren. Orale Tradierung über Augenzeugen reicht nicht aus, ein FTF-Akt, der seinen Niederschlag nicht im Web fand, hat niemals stattgefunden. Diskussion und Brainstorming über die Twitterwall machen sodann das FTF-Erleben auch für nicht Anwesende sichtbar und ermöglichen deren Teilhabe. Nach der Veranstaltung lässt man die Teilnehmenden und die übrige nicht-anwesende Welt mobil via Twitter wissen, dass der Abreisezug klimatisiert und das Meeting ein voller Erfolg war.

Online-Medien sind also, nicht erst seit dem ersten Einsatz eines iPad vor dem Plenum des Bundestages, immer dabei. Es scheint daher angebrachter, in der Mediengesellschaft statt FTF eine »face to facebook to face«-Kommunikation festzustellen, wobei Online-Medien als fest verbundene Prothesen fehlende körperliche Eigenschaften, wie die Fähigkeit zur Allgegenwart, ergänzen und damit zum untrennbaren Teil zeitgemäßer FTF werden. BLEICHER/VOLLMANN ignorieren noch die Ko-Präsenz von FTF und computervermittelter Kommunikation, indem sie eine Trennung zwischen den Einsatz-Spären beider Formatkategorien ziehen, die so in der Kommunikationsrealität meist nicht mehr vorhanden ist.

Als Kommunikation noch unvermittelt war

Sündenfall

Was hat das Tragen einer bestimmten Armbanduhr durch die Lehrperson mit einem Vortrag zum Bildungsmarketing bei Non Profit-Organisationen zu tun? Viel, wenn es sich um eine FTF-Veranstaltung handelt. Einigen mit mir Hörenden und -Schauenden fiel das scheinbar teure Uhrenmodell auf, das erheiternde Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Vortragenden, die häufig mangelnde finanzielle Zuwendungen des Staates für ihre Einrichtung beklagte, weckte und unsere Aufmerksamkeit senkte. Der für viele FTF-Formate typische Rollenunterschied verbot bildungsirrelevante, wenngleich erlösende Fragen: Ist die Uhr überhaupt echt? Ein Geschenk? Oder bloß ausgeliehen, damit man einen Zeitmesser bei der Hand hat?

Im Gegensatz zu CMC, die eine Selektion der situativ förderlichen Kanäle und Formate und damit das Ausblenden von Störsignalen zulässt, müssen bei FTF stets sämtliche Wahrnehmungsebenen für den »ganzheitlichen Auftritt« berücksichtigt werden. Je mehr nicht benötigte Kanäle mit bedient werden müssen, desto größer die Gefahr einer unbeabsichtigten Störung, und sei es nur durch Weißes Rauschen. Eine Ausführung dazu kann man in meinem Kommentar auf dem Blog von Udo, dem Allzeit-Meister von FTF und voice based CMC, lesen. BLEICHER/VOLLMANN bezeichnen CMC zutreffend als »Mangelkommunikation«. FTF kann hingegen als Überflusskommunikation gelten.

Erlösung

FTF stellt mit exklusiven nonverbalen und paraverbalen Artikulationsmöglichkeiten ein zusätzliches Set an attraktiven, wenngleich aufwendigen und komplexen Vermittlungsformen bereit. Wer nicht dem Irrtum aufsitzt, FTF sei das am einfachsten zu praktizierende, weil bereits »angeborene« und »natürliche«, Allen aus ihrer Sozialisation vertraute Format, der kann einen großen didaktischen Mehrwert gewinnen. Beispielgebend mein (Gegen-)Erlebnis vom didaktisch-korrekten Armbanduhrenträger:

Die vortragende Person trug eine auffällige Retro-Digitaluhr am Handgelenk. Dieser Zeitmesser war in der Kindheit der Lehrperson und der meinen zunächst erstrebenswert und angesagt, galt später jedoch als uncool und Ausweis von Strebertum (insbesondere Mathe/Physik). Die Person präsentierte als (45-minütige) Dreingabe ein soziales Netzwerk und richtete für uns eine Community ein, wobei er sich zusehends in die Aufgabe verlor und sich selbst dabei als Nerd titulierte. Dieser Auftritt war im Kontext stimmig und konnte lernförderlich »gelesen« werden. Die Lehrperson hatte übrigens visuelle Artikulationsformen, Medienkulturen und Film beforscht … Vielleicht hätte ich ohne die Digitaluhr nicht die von der Lehrperson empfohlene Monographie gelesen.

Eine Rahmung, welche durch Frontalvermittlung entstehende Missdeutungen und Störungen vermeiden hilft, die Stärken von FTF jedoch hervorkehrt, besteht in offenen FTF-Anwendungen wie Barcamp oder OpenSpace bei der allgemeinen Wissenskommunikation und in der offenen Lerngruppenarbeit im Unterricht. Sofern Alternativen zu (reiner) CMC etabliert sind oder eingesetzt werden können, sollte vorzugsweise von diesen, teilnehmenden-zentrierten, gleich-zu-gleich-orientierten Formen Gebrauch gemacht werden. Dies sich vollzieht selbstverständlich unter der »natürlichen« Anwesenheit von CMC und seiner Vorzüge.

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Eine Antwort to “Im Angesicht der Online-Medien”

  1. Marianne Says:

    Lieber Christian,

    Deine einleitende Frage, ob es noch reine FtF-Situationen ohne den Einfluss der Medien gibt finde ich sehr spannend und auch Deiner Feststellung, dass heutzutage oft erst Online-Medien FtF-Szenarien ermöglichen stimme ich zu. Die Erläuterungen zu den Einflüssen von z.B. Twitter auf FtF-Veranstaltungen belegen Deine These dabei anschaulich.
    Besonders gut hat mir auch die Herausarbeitung der Vor- und Nachteile der beiden Kommunikationsformen gefallen und Deine daraus resultierende Forderung diese angemessen zu verbinden.

    Herzliche Grüße,
    Marianne

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