Omnes Omnia Omnio – Comenius gibt Alles

Allen Alles allumfassend – die Einlösung des Versprechens von Comenius‘ Großer Didaktik scheint in der postmodernen Wissensgesellschaft ferner denn je. Folgt man Ansätzen, die aus der Unübersichtlichkeit und Globalität heutiger Lern- und Wissenskontexte die zwingende Notwendigkeit eines unterrichtenden Komplexitätsreduktoren ableiten, ist eine Didaktik, die in der Wirklichkeit des Netzzeitalters steht, also wahrhaft allgemein ist, allerdings so erforderlich wie nie.

Und doch: Mit den heutigen Soziotechniken, transkulturellen Kommunikationsformen und medialisierten Interaktionsmöglichkeiten sind zum ersten Mal die Voraussetzungen geschaffen, die eine Umsetzung von Comenius‘ universeller Vision möglich erscheinen lassen. Die Ursache des Bildungsproblems (Komplexität, Fülle, schneller Wandel und Verteiltheit des Wissens) begründet für mich auch seine Lösung (Vernetzung, Reichhaltigkeit, neue Instrumente).

Comenius gibt uns das Werkzeug in die Hand, um die neuen Lebensräume als Lernräume zu erschließen, indem er basale Bedingungen und Forderungen in seiner Didactica Magna formuliert, die nichts weniger Grundeigenschaften des Netzes sind:

Alles
…. was für das Leben in der Gemeinschaft und für die Persönlichkeitsentwicklung emotional und kognitiv von Bedeutung ist. Das Netz bietet, neben dem ‚allseitigen Weltwissen‘, ein Neben- und Miteinander aller schicht- bzw. gruppenspezifischen soziokulturellen Artikulationsformen und die Möglichkeit, sie einzuüben. Mit der Chance auf den Erwerb der Fähigkeit zur Mit- und Selbstbestimmung sowie zur Solidarität leuchtet hier Klafkis Allgemeinbildungskonzept.

Allen
… >>beiderlei Geschlechts ohne jede Ausnahme<< den Zugang zu den Bildungsräumen ermöglichen. Das Netz weist eine höhere soziale Inklusion und Durchlässigkeit auf als das formelle Bildungswesen in Deutschland, wie die Mediennutzungsforschung zeigt. Um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit tatsächlich zu erreichen, sind jedoch auch für die Netzspäre noch große, kompetenzfördernde Integrationsleistungen zu erbringen.

Allumfassend (ein Update um die Dimensionen Zeit und Raum, die auf die Zustimmung des großen Netzdidaktikers gestoßen wäre)
Allzeitig: Dies meint nicht nur, dass Lernen und Bildungserlebnisse zu jeder Tageszeit verfügbar sein müssen. Ausgedehnt auf die Lebenszeit muss die Teilhabe an Bildungsprozessen in jedem Lebensalter gewährt werden (lebenslanges Lernen). Den Status von Comenius‘ Schulkindern haben wir heute ein Leben lang inne.
Allgegenwärtig: Jeder Lebensort muss auch ein Lernort sein können. Online-Medien machen es.

Wie sollte eine Allgemeine Didaktik heute, die nicht eine Didaktisierung von Inhalten, sondern das Lernen als sozialer lebensweltlicher Prozess focussiert und Methodenvielfalt vorsieht, verfasst sein? Meine 3 Leitsätze:

  1. Für die Bildungsforschung (Theorie):
    Alle Bildungspotentiale müssen in allen (medialisierten) Phänomenen aller sozialen Lebenswelten aller Lernenden identifiziert und beforscht werden (soziale Netzwerke, Games, Filme, Popmusik etc.).
  2. Für die Bildungspolitik (Makro-Ebene):
    Die Möglichkeit zur Teilhabe Aller an den neuen Lernwelten ist sowohl in ökonomischer als auch in methodischer Hinsicht (aktive Medienkompetenz) zu schaffen.
  3. Für die Unterrichtenden (Mikro-Ebene und Praxis):
    Alle entweder bereits im Alltag der Lernenden genutzten oder durch (2) erreichbar gemachten Bildungsmedien, -methoden und -inhalte sind auf ihre Passung für die Lern- und Bildungsbedarfe der konkreten Lernendengruppen zu befragen und ihnen anzubieten.

Eine comenianische Challenge zum Abschluss: Wer mir beweist, dass Comenius mit einem didaktischen Modus, bei welchem >>die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler aber dennoch mehr lernen<< nicht eine konstruktivistische Lernumgebung oder das Game Based Learning visioniert haben kann, kriegt einen Eisbecher mit Allem 🙂

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7 Antworten to “Omnes Omnia Omnio – Comenius gibt Alles”

  1. udo Says:

    Hallo Christian,

    ich bin, wie schon mehrfach erwähnt, immer wieder beeindruckt durch die Fremdwortdichte Deiner Beiträge. Diese zeugt von einer wirklich tiefgehenden Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen.

    Allerdings erschweren mir Deine Texte andererseits den Zugang, weil ich diese zunächst „aufschlüsseln“ muß. Meiner Meinung nach erschwert das Kommunikation.

    Du würdest wahrscheinlich eine Stratat wie „Raub“ folgendermaßen beschreiben:
    `Raub ist das jenige Delikt, das jemand durch Entwendung eines ihm nicht gehörenden Gegenstandes unter Anwendung von Gewalt oder von Drohungen gegenüber einer anderen Person begeht, sofern die Intention der rechtswidrigen Aneignung besteht.`

    Meine Version wäre eher:
    Jemand nimmt einem anderen etwas weg. Er will es behalten. Aber es gehört ihm nicht. Beim Wegnehmen wendet er Gewalt an oder droht dem anderen, daß er ihm etwas Schlimmes antun werde. Dieses Verbrechen heißt Raub.

    Angesichts dieser unterschiedlichen Beschreibungen ist zwar Kommunikation immer noch möglich – aber ich habe den Eindruck wir bewegen uns dennoch in unterschiedlichen (Sprach-) Welten.

    Metakommunikation spielt meiner Ansicht nach insbesondere bei virtuellen Lern- und Lehrumgebungen eine wichtige Rolle, da bei ihr Signale der verbalen und nonverbalen Kommunikation ( durch die wir im Sinne der Selbst- und Fremdwahrnehmung in einer face-to-face-Situation meist unbewußt überprüfen, ob wir auch verstanden wurden) weitgehend fehlen.

    Es wäre sicherlich interessant das mal in einem thread zu diskutieren.

    Deinen Ausführungen bzgl. Commenius teile ich – habe es aber (Du wirst es ahnen ) anders formuliert 🙂

    Ich lade Dich hiermit herzlich ein meinen Blogbeitrag zu kommentieren und freue mich auf die weitere sicherlich konstrutive Zusammenarbeit mit Dir !

    • Der Alte Fritz Says:

      Ahoi Du wahrer Fuffziger,

      da dieser Blog weder ein Gruppen- noch ein Lehrblog ist, darf (jawoll: darf) ich Deiner Stilkritik nicht folgen:

      Der persönliche Blog soll ja ein hoch individuelles, authentisches Ausdrucksformat sein, also die „Handschrift des Autors tragen“.
      Und das umfasst nicht nur den Text, sondern auch die übrigen Kommunikationselemente, wie graphische Gestaltungsmittel, Farben, Schriftarten, Layout, Bilder – das eben, was man unter Anmutung oder Look & Feel versteht.
      Wenn Du persönlich mit pinkfarbenen Überschriften auf schwarzem Grund aufwartest, setzt das erstmal ein Ausrufezeichen. Das beschleunigt nicht mein Lesen, weil ich ein anderes Umfeld erwartet habe, aber dem muss ich mich aussetzen. Das Gleiche gilt für die Worte, darauf muss man sich einlassen. Das ist ja gerade das Spannende. Und ich habe mich entschieden, so zu bloggen, wie ich’s gemacht habe. Jeder Jeck ess anders!

      Zu schauen, ob und unter welchen Bedingungen mit diesen Werkzeugen Kommunikation stattfinden und ob das Ganze auch eine „Bildungswirksamkeit“ entfalten kann, das ist unser Auftrag …
      Meine Meinung: Je mehr (auch in der Form) Anderes, Neues, vielleicht Verstörendes mir vor Augen gelangt, desto mehr Fragen kann ich mir stellen. Vielfalt = Bildung
      Dem Thema sollten wir in der Tat mal den einen oder anderen Thread spendieren …

      Und da sind wir auch ganz nahe an Comenius: Alles, was es an Ausdrucksformen gibt, soll eingebracht werden. Stromlinienförmige Artikulation kills nicht nur Music (da stimmst Du mir wohl zu), sondern auch Denken (wir denken ja in Worten, deshalb muss jede Art der Textdarbietung erlaubt sein). Und bei der Sprache ist jeder anders: Mich nerven bspw. Journalistenblogs. die, nur weil sie keine Platzbegrenzung haben, ellenlang loslabern, um dann irgendwann auf den Punkt zu kommen. Die Texte lese ich trotzdem und hochachte die Autoren, weil die Inhalte wesentlich sind. Ich selbst komprimiere lieber Inhalte (das kann man ja mit Fremdworten vortrefflich, weil die meistens auf irgendetwas verweisen, das woanders steht) als zu viele Worte rauszuhauen.

      In geschlossenen Lernzusammenhängen ist das anders: Da muss natürlich der Code der Zielgruppe verwendet werden – bei unserer Kitzinger Rentner-Performance sollten wir ja auch englischsprachiges Wortgut vermeiden … Da trifft Deine Aussage zur Metakommunikation voll zu! Nicht so in der Blogosphäre, da muss sich der Leser auf die Darbietungsformen einlassen, der Autor hat nicht nur als „King of Content“ sondern auch als „King of Style“ alle Freiheiten.

      Deine Einladung zur Kommentierung nehme ich natürlich an und werde in die pink-schwarzen Welten Deines persönlichen Blogs abtauchen. Ein Bildungsabenteuer …
      Wackere Grüße nach Westfalen!

  2. Joachim Says:

    Hastalavista Du Konstruktivist,

    Dein Beitrag fördert bei mir die Begeisterung für das konstruktivistische Lernen. Auch beim fünften Lesen entdecke ich noch immer neue Argumente und Wörter, die ich so im Kontext noch nicht interpretieren konnte. 🙂

    Comenius hätte Deine konstruktivistische Lernumgebung abgelehnt. Sicherlich müssen die Lehrer weniger lehren. Aber die Schüler werden bestimmte Dinge nie lernen, aber davon ganz viel.

    Das mit der Beweisführung ist immer so eine Sache. Da gibt man ja auch den Schwarzen Peter ab. Darum halte ich dagegen: Wenn Du beweist, dass Comenius eine konstruktivistische Lernumgebung im Sinn hatte, gibt es zwei Eisbecher mit allem. 🙂

    Gruß

    Joachim

    • Der Alte Fritz Says:

      Tja Joachim, obwohl ich als Konstruktivist nicht darauf beharren dürfte, dass Du Unrecht hast, versetze ich mich mal in Deine Rolle und tue es trotzdem:

      >> Die Schüler werden bestimmte Dinge nie lernen, aber davon ganz viel. << Das stimmt vollkommen, bis hierher … Aber:

      Die Schüler lernen vieles (aus der Sicht des Beobachters) nicht – denn sie lernen nur das, was für sie – in ihrer persönlichen Situtation – von BEDEUTUNG ist. Vom Lernenden aus gedacht heißt das: Sie lernen ALLES. Und das ist für sie – sowohl heute als auch zu Comenius‘ Zeit – die einzige Chance, ALLES zu lernen. Selbst früher passte das Weltwissen nicht in eine Schulfibel, darin bestand auch nicht Comenius‘ Bildungsanspruch.

      Außerdem: Manchmal ist es besser, etwas nicht gelernt zu haben. Auch das ist eine Form von (selbstgesteuertem, durch eine Umwelt angeregtem) Lernen. Wir haben auch nicht gelernt, auf welche Arten wir am lässigsten Rentner mit Blüten betrügen, weil’s die Situation nicht hergab …

      So, jetzt aber her mit den Eisen, der Beweis ist geführt: Comenius wäre gegenüber einer konstruktivistischen Umgebung nicht abgeneigt gewesen, weil nur sie den Lernenden in die Lage versetzt, ALLES im obigen Sinn zu konstruieren! 🙂

      Eiskonstruktive Grüße, Christian

  3. Britta Says:

    Lieber Christian,

    es hat mir wirklich Spaß gemacht, Deinen Beitrag zu lesen :)! Sehr gelungen finde ich Deine Leitsätze.

    Ich möchte die These wagen: „Comenius war kein Konstruktivist!“ Und zwar z.B. aufgrund dieser Aussage „… alles zu lehren“. Geht er da nicht davon aus, dass es ein allgemeingültiges Wissen gibt? Und würde da ein Konstruktivist nicht eher widersprechen?

    Lieber Gruß
    Britta

    • Der Alte Fritz Says:

      Hallo Britta; da Joachims Kommentar in eine ähnliche Kerbe geschlagen hat, baue ich auf meiner Antwort an Joachim auf:

      Wenn der Anspruch, „alles zu lehren“, nicht auf die Vermittlung von (aus Sicht des Lehrenden) als allgemein bedeutsam erachteten, kanonischen Wissensinhalten zielt, sondern der Lehrende sich die Perspektive eines Lernenden zu eigen macht, und allgemein gültiges, für jeden einzelnen bedeutsames Wissen fördern möchte, besteht kein Widerspruch. Das Bildungsziel wäre die Erkenntnis allgemein gültiger „Wahrheiten“ bzw. existentieller Fragen, die sich jeder beantworten muss. Bspw. „Warum ist Gut besser als Böse“ – die von Comenius‘ christlichem Menschenbild ausgehende Moral-„Antwort“ ist natürlich nicht konstruktivistischer Natur 🙂 Aber dass Comenius ein Konstruktivist reinsten Wassers ist, habe ich auch nicht behauptet …

      Diese Spaltung würde ich so beschreiben: In seinen didaktischen Vorstellungen ist Comenius „konstruktivistisch inspiriert“ (wenn’s das damals schon gegeben hätte), in seiner sonstigen Weltsicht ist er es nicht. Seine Auffassung von Wissen (Was ist wichtig, damit ich mich im Leben orientieren kann?) muss immer auf die Bedeutung für den Einzelnen gehen, sonst kann es nicht für ALLE gelten …

      Dabei sind die Fragen klassisch, darin liegt für mich das Universelle bei Comenius. Die Wissensinhalte, die man dem Einzelnen anbietet, können dies auch sein und geben damit schon einen „Allgemeinbildungskanon“ ab (weil es soviele davon ja damals nicht gab). Aber die Konstruktion des Wissens liegt beim Lernenden, und ob er es aus der Ilias oder aus Aktionen in Twinity oder überhaupt nicht konstruiert, bestimmt er allein.

      Allgemein gültige & bedeutsame Grüße, Christian

  4. Maxim Says:

    Hallo Christian,
    etwas verspätet kommt auch mein Kommentar zu deinem Beitrag. Grundsätzlich bin ich einverstanden mit deinen Leitsätzen. Dennoch muss ich „die Aktualität“ des Ansatzes von Comenius kritisch hinterfragen: ist Lehr-/Lern Paradigma heute noch aktuell? Ich denke nicht!

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